Orangensaft: Bei Diabetes mellitus Typ 2 geeignet?

Stoffwechselbedingte Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2 können im Zusammenspiel verschiedener Faktoren entstehen. Eine wichtige Rolle kommt dabei der Ernährung zu. Der Verzehr zuckerhaltiger bzw. kohlenhydratreicher Lebensmittel wird sowohl im Zusammenhang mit dem Erkrankungsrisiko für Diabetes mellitus Typ 2 als auch im Hinblick auf den Erfolg der Ernährungstherapie diskutiert. Umstritten ist aber, welche kohlenhydrathaltigen Lebensmittel sich positiv, neutral oder sogar negativ auswirken können. So stufen einige Mediziner Fruchtsaft wie etwa Orangensaft als Diabetes begünstigendes Lebensmittel ein und raten von seinem Verzehr ab. Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass Orangensaft und andere Fruchtsäfte kein Risikofaktor zu sein scheinen.

 

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Ein Forscherteam der Universität von Toronto untersuchte 155 Studien, die sich mit dem Einfluss fruktosehaltiger Lebensmittel auf Diabetes relevante Parameter wie HbA1c, Nüchternglukose oder Insulinausschüttung beschäftigten. Die kanadischen Wissenschaftler fanden dabei kein erhöhtes Diabetes-Risiko durch Lebensmittel und Getränke, die natürlich vorkommende Fruktose enthalten – wie etwa Fruchtsäfte. Diese können sich den Ergebnissen zufolge langfristig sogar positiv auf Blutzucker-, Insulinspiegel und HbA1c auswirken. Voraussetzung für den positiven Effekt ist dabei, dass die Lebensmittel nicht zusätzlich zur bisherigen Energieaufnahme, sondern im energetischen 1:1-Austausch gegen andere Energielieferanten verzehrt werden.

Glykämischer Index von Fruchtsaft

Ein wichtiger Aspekt in Bezug auf Diabetes mellitus Typ 2 ist in diesem Zusammenhang der glykämische Index (GI) von Lebensmitteln. Wegen des raschen Plasmaglukoseanstieges sollten Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 Nahrungsmittel und Getränke mit hohem GI meiden. Eine Meta-Analyse aus den Daten von 45 Studien ergab, dass insbesondere Ernährungsweisen, die Lebensmittel mit vorwiegend niedrigem GI enthalten, zu geringeren Nüchtern-Glukosewerten und einem kleineren HbA1c-Wert führten. Eine Zufuhr von Ballaststoffen, wie fruchteigenen Pektinen, erhöhte diesen Effekt noch. Bedingt durch die flüssige Darreichungsform von Fruchtsäften und ihrem jeweiligen Gehalt an fruchteigenem Zucker könnte man einen hohen GI bzw. einen hohen postprandialen Glukosewert nach dem Genuss von Fruchtsäften erwarten. Tatsächlich liegt der GI von Orangensaft mit 50 aber nur geringfügig höher als der GI der ganzen Frucht mit 43. Der Saft zählt damit, wie die Früchte, zu den Lebensmitteln mit niedrigem (<55) glykämischen Index.

Fruchtsaftgenuss und Gewichtsreduktion

Eine entscheidende Rolle im Kontext von Diabetes mellitus Typ 2 spielt auch das Körpergewicht. Durch Gewichtsreduktion kann es bei übergewichtigen und adipösen Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 in der Frühphase der Krankheit zu einer Remission kommen. Es stellt sich die Frage, ob der Genuss von Fruchtsäften eine solche Gewichtsreduktion hemmen kann. Laut aktueller Forschung lautet die Antwort: Nein. So erwies eine Studie, in der 78 übergewichtige Personen über 12 Wochen entweder 500 ml Orangensaft oder ein Kontrollgetränk im Rahmen einer energiereduzierten Mischkost tranken, dass beide Gruppen gleich viel Gewicht verloren. Die tägliche Energieaufnahme blieb dabei unbeeinflusst. In der Interventionsgruppe gab es positive Effekte auf das Insulinprofil, nicht aber in der Kontrollgruppe. Dies deutet darauf hin, dass der Orangensaftgenuss einen neutralen, also keinesfalls hemmenden, Effekt auf die Gewichtsreduktion hat. Das Insulinprofil kann sogar davon profitieren. Genauso zeigen aktuelle Studien der Universitäten Hohenheim und Kiel, dass Orangensaft darüber hinaus zu einer Verringerung der Körperfettmasse beitragen kann, sofern er mit den Mahlzeiten und nicht dazwischen verzehrt wird.

Fazit für die Ernährungsberatung

Generell gelten für Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 die gleichen Empfehlungen für eine vollwertige Kost wie für gesunde Menschen. Statt pauschaler Empfehlungen und Verbote sollte in der Beratung von Patienten darauf geachtet werden, in welchen Mengen und in welchem Umfeld Fruchtsäfte wie etwa Orangensaft genossen werden. Zur Prävention ernährungsmitbedingter Erkrankungen wird in Deutschland mit „5 am Tag“ der Verzehr von fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag empfohlen. Auch wenn es keine Evidenz dafür gibt, dass ein hoher Gemüse- und Obstverzehr allein das Risiko an Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken verringern könnte, kommt Gemüse und Obst indirekt eine Bedeutung bei der Prävention zu: Ihr Verzehr vermindert möglicherweise das Risiko eines Gewichtsanstiegs im Erwachsenenalter. Eine der empfohlenen fünf Portionen Gemüse und Obst am Tag kann, Empfehlungen der DGE zufolge, gelegentlich in Form eines kleinen Glases Fruchtsaft (wie etwa Orangensaft) verzehrt werden.

Die Studien zeigen, dass die positiven Effekte von Fruchtsaft überwiegen, vor allem wenn der Saft, wie dies typischerweise geschieht, im Rahmen einer Mahlzeit und in üblichen Verzehrmengen von 150-200 ml verzehrt wird. Kritiker führen an, dass durch den Konsum von Fruchtsäften nicht alle positiven Inhaltstoffe der Früchte aufgenommen werden. Der Verzehr von Fruchtsaft ließe sich daher nicht mit dem Genuss von Früchten vergleichen. Dem stehen Studien der Universität Hohenheim zur Bioverfügbarkeit der im Fruchtsaft enthaltenen Vitamine C und Folat sowie der Carotinoide und der bioaktiven Flavone gegenüber. Diese zeigten, wie gut sowohl Vitamine als auch sekundäre Pflanzenstoffe aus Fruchtsaft verfügbar sind. Die bioaktiven Flavonoide im Orangensaft, Hesperidin und Narirutin, werden zudem mit positiven Effekten für die Glukose-Insulin-Regulation diskutiert. Sie scheinen die Glukoseabsorption zu reduzieren, während sie die Insulinsekretion und die Glukoseaufnahme in die Zellen stimulieren.

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